Dennis Russell Davies und das Sinfonieorchester Basel begeistern im Musiksaal. Ein kluges Programm, ein interessanter Solist und ein erstklassiges Sinfonieorchester Basel: Die Handschrift des neuen Chefdirigenten Dennis Russell Davies beeindruckte bei seinem ersten AMG-Auftritt.
In der langen Zeit des Wartens auf den Chefdirigenten rätselte man bisweilen über die Fähigkeiten des Sinfonieorchesters, die im Fluss der wechselnden Taktgeber schwankten wie ein Boot in unruhigen Gewässern. Doch nun ist der Steuermann an Bord. Er strahlt eine grosse Sicherheit aus und führt die Musiker zu einer sagenhaften Präzision, Stringenz und Ausgewogenheit. Fast konnte man einen neuen Personalklang erahnen, so vielversprechend klang die Orchestereinleitung von Brahms’ Violinkonzert. Was ist nicht alles möglich mit diesem Klangkörper: Dunkel und warm setzten die tiefen Streicher ein, samtweich übernahm die Oboe, behutsam baute sich die Steigerung auf zu einem aufs Feinste austarierten, nie ins Dickliche fallenden Tuttiklang. Dabei widerstand Davies der Versuchung, Brahms in einen furiosen Klangrausch münden zu lassen. Stattdessen deklamierte er, modellierte Übergänge mit ungewohnt reicher Agogik, hielt damit aber die Aufmerksamkeit der Musiker in einer Weise bei sich, die eine genaueste Klangdosierung ermöglichte. schlank. Thomas Zehetmair war dabei ein Solist, der mit Davies aussergewöhnlich einig schien über die Interpretation: Schlank und trotzdem kräftig war sein Ton, durchdringend auch im zartesten Pianissimo. Und als Zugabe bescherte er dem begeisterten Publikum mit Heinz Holligers charmantkratzbürstigem «Souvenir de Newcastle» sogar eine Schweizer Erstaufführung. Mit Hans Rotts Sinfonie brachte Davies schliesslich eine hochwillkommene Abwechslung in den romantischen Sinfonienkanon. Der Erstling des 25-jährig verstorbenen Österreichers ist ein interessantes Zeitdokument: Huldigungen an seinen Lehrer Anton Bruckner und sein Vorbild Richard Wagner sind ebenso unüberhörbar wie die frappierenden Verweise auf das Werk seines Kommilitonen Gustav Mahler. Davies führte mit beeindruckender Klarheit durch dieses bunte, immer länger, immer lauter werdende Werk, dem das Orchester mit strahlendem, in seiner Intensität nie nachlassendem Klang begegnete. Bravi und dankbarer Applaus für einen Chefdirigenten, der endlich angekommen ist.
Jenny Berg, Basler Zeitung, 5.2.2010
