Sinfonieorchester Basel unter Davies
Auf Entdeckungsreisen will Dennis Russell Davies das Basler Publikum mitnehmen. So stellte er im zweiten Konzert als Chefdirigent des Sinfonieorchesters Basel die Sinfonie des mit 26 Jahren verstorbenen Wiener Komponisten Hans Rott vor. Seine Sinfonie in E-Dur ist ein geniales Jugendwerk.
Zu behaupten, ohne Rotts Vorstoss in neue sinfonische Gebilde wären die bahnbrechenden Erneuerungen seines Studienkollegen Mahler undenkbar gewesen, ist zwar falsch, das macht das AMG-Konzert im Stadt-Casino deutlich. Klar ist, dass Rott mit dem genialen 3. Satz, dem Scherzo mit seinen Horn-Fanfaren, wie sie später auch Mahler setzte, und mit den in sich verschachtelten unterschiedlichen Musiken das Tor zur Moderne aufstiess.
Dennis Russell Davies und das Sinfonieorchester Basel nehmen sich der hierzulande unbekannten, knapp einstündigen Sinfonie mit Überzeugung und viel Herz an. Im Kopfsatz «Alla breve» stellen sich beim Orchester noch Unsicherheiten ein. Das hängt einmal mit der Ersteinstudierung des grossen Werks zusammen, hat aber auch mit dem noch nicht ganz überzeugenden Satz selbst zu tun. Man spürt, wie sich Rott zwischen Wagner- und Bruckner-Einflüssen zur Eigenständigkeit vortastet.
Was hervorsticht ist das berührende Trompetensolo des neue Registerleiters Immanuel Richter. Mit einem beseelten, vollen und warmen Streicherklang spielt das Orchester den langsamen zweiten Satz. Packend erklingt das Scherzo. Davies konturiert die Musik in ihrer Vielschichtigkeit genau, er betont das Tänzerische, treibt die Musiker an in den rhythmisch rasanten Passagen, schneidet die divergierenden Teile ineinander. Im 20-minütigen Finalsatz hat das Blech wieder den weihevollen brucknerschen Ton mit Steigerungen ins triumphale Forte. Wie Rott das Hauptthema mit den anderen Motiven zusammenführt, wird gut hörbar. Berührend der innige decrescendierende Schluss.
Rotts Sinfonie hat Davies das Violinkonzert des Johannes Brahms voran gestellt, der den jungen Wiener mit seinem negativen Urteil über die Sinfonie verletzt hat. So schafft Davies interessante Spannungsfelder.
Grossartig die Interpretation des Violinisten Thomas Zehetmair. Er schärft im ersten Allegro-Satz den Klang in den schnellen Sechzehntelfiguren, spielt das liedhafte Thema innig. Die Kadenz ist von plastischer Prägnanz. Weich, fast singend intoniert er das Adagio, in vorwärtstreibender Rhythmik das rondohafte Allegro. Mit leichten Tempoverzögerungen und –beschleunigungen schafft er Spannung, stark der musikalische Ausdruck. Davies und das Orchester korrespondieren sehr gut mit dem Solisten. Als Dank für den grossen Applaus spielt Zehetmair Heinz Holligers wunderbares Kleinod «Souvenir de Newcastle», das er im November 2009 uraufgeführt hat: eine Musik von feiner, so heutiger Gestalt.
Christian Fluri, Basellandschaftliche Zeitung, 5. Februar 2010
