Kristina Kapustynska am Solistenabend
Immer rascher folgen im überhitzten Musikbetrieb die Novitäten und angeblichen Sensationen aufeinander. So steht beispielweise die vor einigen Jahren erfolgreich zum Weltstar gehypte Anna Netrebko noch immer auf dem Zenith ihres Könnens – doch schon wird uns eine «neue Netrebko» präsentiert.
Sie heisst Kristina Kapustynska, stammt aus Kiew und ist wie die «alte» Netrebko Sopranistin und ein Schützling des Stardirigenten Valery Gergiev. Seit einigen Jahren ist sie Mitglied des von Gergiev geleiteten Mariinsky-Theaters in St. Petersburg.
Nun gastierte die Sängerin in einem Opernkonzert mit dem Sinfonieorchester Basel unter MarioVenzago bei den AMG-Solistenabenden und zu entdecken war in der Tat eine grosse Begabung. Kristina Kapustynska verfügt über eine wunderbare Stimme, einen vollen, jugendfrisch leuchtenden Sopran, dem eine Prise Metall die individuelle Färbung gibt – und sie kann mit dieser Stimme hervorragend umgehen. Sie präsentierte Ausschnitte aus französischen und italienischen Opern.
Zu Beginn sang und spielte sie die Szene der Marguerite aus Charles Gounods «Faust». Im Kostüm Marguerites, barfuss und in weissem Untergewand, betrat sie die Bühne, begann zu nähen und fand das Schatzkästlein, das Mephisto in ihrer Wohnung versteckt hatte. Frei und natürlich floss die Ballade vom König in Thule und in der «Juwelenarie» glänzte Kapustynska mit sicheren Koloraturen.
Doch drängt es die Sängerin eher zu dramatischen Rollen. In der Arie der Amelia aus Verdis «Un ballo in maschera» gelang es ihr über den reinen Wohllaut hinaus etwas von der Verzweiflung der Mutter, die von ihrem Kind für immer Abschied nehmen muss, spürbar zu machen.
Die grosse Szene der Leonora «Pace mio Dio» aus Verdis «La forza del Destino» war differenziert gestaltet, blieb aber allzu blass. Noch fehlte es der Sopranistin hier an expressiver Gestaltungskraft und an Stimmfarben.
Venzago und das bestens aufgelegte Orchester begleiteten die Sängerin zuverlässig und interpretierten zwischen ihren Auftritten Ouvertüren von Verdi und Hector Berlioz – darunter die mit chevalereskem Schwung gespielte Ouvertüre caractéristque «Le Corsaire» -, sowie Giacomo Puccinis frühes Capriccio sinfonico, das den Opernfans im Publikum wohl bekannt vorkam – Material daraus hat der Komponist im 1. Akt von «La Bohème» wiederverwendet. In «Sono l’umile ancella» aus Francesco Cileàs «Adriana Lecouvreur», ihrer ersten Zugabe, zeigte Kapustynska, dass sie auch piano singen kann. Die zweite Zugabe war «I could have danced tonight», von Venzago und vom Orchester mit hörbarem Spass begleitet.
Alfred Ziltener, Basellandschaftliche Zeitung 28. Januar 2010