Das Freisetzen der Idee

Chefdirigent Markus Poschner über die Fortsetzung des Basler Mahler-Zyklus

Mit der 5. und der 1. Sinfonie geht der Basler Mahler-Zyklus in die zweite Runde. Warum Mahler Musik für das Heute und Jetzt geschrieben hat, erzählt Chefdirigent Markus Poschner. Interview: Benjamin Herzog

Markus Poschner dirigiert das Sinfonieorchester Basel, Taktstock in der ausgestreckten Hand, dunkelblauer Anzug mit Fliege.

Benjamin Herzog: Seine Musik sei «gelebt und nicht gemacht» hat Gustav Mahler einmal gesagt. Inwiefern stimmt das gerade bei ihm im Gegensatz zu – sagen wir – Anton Bruckner?

Markus Poschner: Mahler beschreibt mit seiner Musik letztlich immer sich selbst. Er blickt nach draussen, um sich herum, aber immer durch seine eigene Brille – mit all seinen Zweifeln, Widersprüchen, Hoffnungen und Ängsten. Deshalb wirkt sie auch für uns heute so unmittelbar. Bruckners Blick hingegen geht eher nach oben – ins Unendliche – und nach unten, tief ins Reich der Sehnsucht, aber eben nicht so sehr nach innen. Bei ihm geht es um das Metaphysische, um Vision und Geheimnis. Mahler erzählt das irdische Leben, Bruckner möchte diesem entkommen.

BH: Du setzt Dich als Dirigent intensiv mit der romantischen und spätromantischen Sinfonik auseinander, dirigierst gerne Zyklen, zuletzt von Bruckners Sinfonien. In Basel ist der Mahler-Zyklus im zweiten Jahr angekommen. Was ist die grosse Erzählung über die geplanten fünf Jahre?

MP: Der Zyklus ist für uns eine grosse gemeinsame Entdeckungsreise, eine Standortbestimmung. Über fünf Jahre erleben wir uns selbst als Sinfonieorchester, wir verbinden uns mit unserer eigenen Geschichte und Tradition und erfinden die Welt gemeinsam mit jeder Mahler-Sinfonie ein Stück weit neu. Dabei wechseln wir ständig die Perspektive, vom romantischen Erzähler bis hin zum radikalen Modernisten. Eigentlich ist es wie eine Streaming-Serie – nur mit deutlich besserem Sound und tatsächlich übers wirkliche Leben.

BH: Laut Mahler wirke im Kunstwerk immer «das Geheimnisvolle, Inkommensurable». Einmal «überblickt», verliere das Werk seinen Zauber. Zwischen Mysterium und Ratio gibt es aber doch spannende Wechselwirkungen. Wo stehst Du dabei mit Deinem Interpretationsansatz?

MP: Mich interessiert genau diese Spannung. Analyse ist wichtig, sie schafft Orientierung. Aber wenn am Ende alles erklärt ist, wird es langweilig und bedeutungslos. Musik muss immer etwas bewahren, das sich unserem Zugriff
entzieht. Wir leben heute in einer Zeit, in der wir glauben, alles messen und berechnen zu können. Mahler erinnert uns daran, dass die wichtigsten Dinge oft gerade nicht quantifizierbar sind und nicht greifbar mit dem Verstand.

BH: Seine 5. Sinfonie hat Mahler 1901 im Sommerurlaub in Maiernigg am Wörthersee zu schreiben begonnen. Schwimmen, Sonnenbaden, Spazieren. Und dann, trotz allem «störenden Gehämmer im Hause», so die Mahler-Vertraute Nathalie Bauer-Lechner in ihren Erinnerungen, taucht Mahler «mitten ins Komponieren». Wie stellst Du Dir so einen Anfang vor, was weiss man darüber?


MP: Mahler war ein extremer Arbeiter und gleichzeitig ein extremer Lebemensch. Ich stelle mir vor, dass die Ideen schon lange in ihm gearbeitet haben. Dann sitzt er am Wörthersee, blickt aufs Wasser – und plötzlich öffnet sich ein Ventil. Komponieren war für ihn vermutlich weniger das Erfinden als das Freisetzen von etwas, das längst da war.


BH: Das Scherzo seiner Fünften stellt, laut Mahler, den Menschen dar «im vollen Tagesglanz, auf dem höchsten Punkte seines Lebens». Trotzdem hört sich die Sinfonie nicht gerade wie ein Loblied des Optimismus an. Was stellt sie für Dich dar?


MP: Die Fünfte erzählt für mich vom Leben in seiner ganzen Ambivalenz. Das Scherzo steht zwar im hellen Tageslicht, aber selbst dort bleiben Schatten sichtbar. Mahler misstraut jeder einfachen Glücksbehauptung. Vielleicht macht ihn das heute so modern. Wir alle kennen diese Gleichzeitigkeit von Erfolg und Verunsicherung, von Euphorie und Krisenmodus. Und eben diesen ewigen Zweifel.


BH: Jede seiner Sinfonien radiere die vorherige aus, hat Theodor W. Adorno einmal über Mahler gesagt. Welches Neuland betreten wir mit der Fünften im Vergleich zu den vorherigen, den sogenannten Wunderhorn-Sinfonien?


MP: Mit der Fünften beginnt Mahler ein neues Kapitel. Die Welt des Wunderhorns mit ihren Liedern, Märchenfiguren und Naturbildern tritt zurück. Die Musik wird abstrakter, psychologischer und radikaler. Er nimmt gewissermassen die Stützräder weg. Von nun an spricht die Sinfonie für sich selbst – und manchmal auch gegen sich selbst.

«Mit jeder Mahler-Sinfonie erfinden wir die Welt ein Stück weit neu.»

Markus Poschner

BH: Kommen wir noch einmal auf das Heute zu sprechen. Mahler-Sinfonien erleben zurzeit einen beispiellosen Boom. In einer Zeit, die komplex ist, voller Brüche und Widersprüche – wie Mahlers Musik selbst auch. Und trotzdem, in einer Sinfonie fügt sich am Schluss alles zum Ganzen. Ist Mahlers Musik – auch – Musik der Gewissheit?


MP: Ich glaube nicht, dass die Musik Mahlers eine Musik der Gewissheit ist. Eher Musik des unaufhörlichen Suchens. Aber gerade darin liegt heute ihre Kraft. Sie verschweigt die Brüche nicht, sondern integriert sie. Am Ende entsteht nicht die Botschaft «Alles wird gut», sondern vielleicht die viel wichtigere: «Trotz allem geht es weiter.» Das ist für unsere Zeit wahrscheinlich die glaubwürdigere Form von Hoffnung.

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