Eine ganze Welt aus Tönen

Werktext von Thomas Gerlich zum Jubiläumskonzert ‹Mahler 3› am 9./11. Juni 2026

Wo findet der Mensch Erlösung? Im Himmel oder auf Erden? Gustav Mahler gibt uns mit seiner 3. Sinfonie darauf Antwort. Der Weg bis dahin führt durch Gefilde «lebloser Natur» (Mahler), durch bacchantische Festzüge, aber auch ins Wirtshaus. Mit Mahlers ‹Dritter› erreicht der Basler Mahler-Zyklus mit Markus Poschner die nächste Stufe.

«Dass ich sie Symphonie nenne, ist eigentlich unzutreffend, denn in nichts hält sie sich an die herkömmliche Form. Aber Symphonie heisst mir eben: mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufbauen.» Kaum eine Aussage von Gustav Mahler ist so oft zitiert worden wie diese beiden Sätze, die er einmal im Blick auf seine 3. Sinfonie formuliert hat. Die fortgesetzte Beschäftigung mit jenem ästhetischen Bekenntnis darf niemanden wundern – denn es bringt Mahlers beispiellosen kompositorischen Anspruch präzise auf den Punkt. 

 

Mahler hatte in seinen Sinfonien das starke Bedürfnis, Musik als sauber konstruierte Tonkunst oder als blosse ‹Sprache der Gefühle› hinter sich zu lassen. Stattdessen wollte er nichts weniger als ein Bild der «Welt» gestalten, ein Bild, das sich musikalisch detailliert mitteilen lässt. In seiner 3. Sinfonie, die im Wesentlichen 1895/96 entstanden ist, hat er dafür ein gross besetztes Orchester, Frauen- und Knabenchor sowie eine Alt-Solistin aufgeboten. Mit diesem gewaltigen Apparat und einer Spieldauer von 90 Minuten ist die Dritte zu einer Monumentalsinfonie geworden, die in der Geschichte der Gattung nur mit seiner eigenen 2. und 8. Sinfonie vergleichbar ist.


Von der Welt, um die es in diesem «Riesenwerk» geht, versuchte Mahler durch die Kombination mehrerer Werk-Ebenen zu erzählen. Es gibt inhaltlich-programmatische Stichworte für das Publikum, es gibt die im 4. und 5. Satz vertonten Liedtexte, und es gibt natürlich die Musik selbst. Mahler investierte sein gesamtes kompositorisches Metier, seine spätromantische Klangpalette genauso wie seine virtuose Orchestrierungsgabe. Doch er holte auch ganz andere Klänge – etwa aus dem Wirtshaus – in den Konzertsaal. ‹Hohe Kunst› oder Schönheit wurden zweitrangig für ihn, wenn es darum ging, die erzählerische Aussage musikalisch möglichst plastisch zu machen.


Mit der programmatischen Ebene hat Mahler lange gerungen. In einem Brief von 1896 beschrieb er das Stück beispielsweise sehr bestimmt als «eine alle Stufen der Entwicklung umfassende musikalische Dichtung. Es beginnt bei der leblosen Natur und steigert sich bis zur Liebe Gottes.» Im Autograf haben die sechs Sätze Überschriften wie «Pan erwacht […] Der Sommer marschiert ein (Bacchuszug)» für den 1. Satz, «Was mir die Tiere im Walde erzählen» für den 3. oder «Was mir die Liebe erzählt» für das Finale. Einen wirklichen Erzählfaden ergibt das nicht, und Mahler hat ab der Druckfassung der Partitur (1899) auch auf alle programmatischen Angaben verzichtet. Ernst nehmen muss man diese Stichworte gleichwohl, doch scheinen sie nur bedingt hilfreich, um den komponierten Gedankengang der Sinfonie zu erfassen.

Worin besteht nun aber dieser Gedankengang? Darauf gibt es natürlich keine eindeutige Antwort. Doch manches spricht dafür, dass es Mahler zentral um das Wohl und Weh des Menschen in der Welt ging; und dass diese Welt bei ihm durch verschiedene Lebenssphären aufscheint, die akustisch erfahrbar gemacht werden. Der kolossale Kopfsatz wird klar von einem Marschgestus bestimmt, mal festlich und mal als Trauermarsch. Der heiter-gelöste Menuett-Satz lässt sich als Ballhaus-Szenerie hören, und das folgende Scherzo versetzt uns mit seinen Polka-Klängen in die Sph.re von Blaskapelle und derbem Volksvergnügen. Überall scheint der Mensch in dem gefangen, was Mahler das «Getriebe des Lebens» genannt hat, und vieles an der Musik wirkt rastlos und überzeichnet bis ins Groteske. Wo sie allerdings, wie in den Posthorn-Episoden des Scherzos, zeitenthoben schön wird, macht die klangliche Inszenierung deutlich, dass das hier imaginierte Stück heile Welt unwiederbringlich verloren ist.


Zum Wendepunkt des Werks wird der 4. Satz. Auf den knallend-orchestralen Schluss des Scherzos folgt die Nietzsche-Vertonung «Oh Mensch! Gib acht!», der erste von zwei Gesangssätzen. Diese leise Nachtszene ist eine Preziose vokaler Kammermusik; inhaltlich wird wie mit einem Orakelspruch an die unauflösbare Verknüpfung von Lust und Leid erinnert. Darauf nun reagiert der kurze kantatenartige Satz «Es sungen drei Engel», und mit ihm könnte Mahlers Welt-Erzählung bereits ihr Ende finden. Der Text (aus Des Knaben Wunderhorn) bietet nämlich einen Ort der Erlösung vom sündigen Leben, vom unerfüllten Sehnen und vom Leiden des Menschen an: den christlichen Himmel. Doch das wahre Ziel der Dritten ist ein anderes: ein ausgedehntes instrumentales Adagio. Sein musikalisches Thema ist ein Streicherhymnus von edlem Ton und grosser Wärme, der bis zum Grandioso-Schluss prägend bleiben wird. «Was mir die Liebe erzählt», so nannte Mahler diesen Satz, und was er uns davon in Tönen weitergibt, ist eine Botschaft von tiefer Humanität. Mahler erlöst seinen Menschen nicht im Himmel, sondern auf Erden.


Autor: Thomas Gerlich

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