Märchenwelten, Spiegelbilder

Werktext zum Konzertprogramm ‹Märchenhaft›

Ein plüschiges Einhorn wirbt für das Konzert des Sinfonieorchesters Basel im März 2026 im Stadtcasino – Maurice Ravel hätte das gefallen. Um Märchenhaftes geht es in diesem Programm, um magische Momente und wunderliche Übergänge.

Maurice Ravel war ein Komponist, der sich seine Kindlichkeit bewahrt haben soll, so wurde er von seinen Zeitgenossen charakterisiert. Und so beschrieb er auch sich selbst in seiner Autobiografie, wo er an seine Fünf Kinderstücke aus dem Jahr 1908 zurückdachte: «Die Absicht, in diesen Stücken die Poesie der Kindheit wachzurufen, hat mich ganz natürlich dazu geführt, mein Komponieren zu vereinfachen und meinen  Stil zu verschlanken.»

 

Fünf Kinderstücke? Diesen Untertitel hatte Ravel dem Klavier-Zyklus Ma mère l’Oye in seiner ersten Fassung gegeben, gesetzt für zwei Pianist*innen – oder genauer: konzipiert für zwei Kinder, nämlich die eines befreundeten Paares, die allerdings trotz der relativ einfachen Struktur damit überfordert waren. Ravel selbst blieb Junggeselle und kinderlos, aber er wollte sich eine Art Kinderwelt konservieren. In seinem Haus umgaben ihn Spieluhren, Nippes, Puppenporzellan, Automaten für Vogelgesang, als Kind habe er wohl selbst eine Spieldose verschluckt, hat einmal jemand über ihn geschrieben.

 

Das märchenhaft Verspielte war seine Welt, und nirgends brachte er sie so plastisch zum Klingen wie in dem vom Klavier aufs Orchester ausgeweiteten Zyklus Ma mère l’Oye mit seiner neuen Einfachheit, wo die Grundintervalle Quarte, Quinte und Oktave, dazu pentatonische Figuren und gamelanartige Klangfarben eine zeitlose Atmosphäre in puristischer Schönheit entstehen lassen. Man hört Vögel, die dem kleinen Däumling die Brotstücke wegpicken, man hört chinesische Figürchen, die auf exotischen Instrumenten für die  badende Kaiserin der Pagoden musizieren – eine Märchenwelt in Klängen. 

Auch die US-amerikanische Komponistin Caroline Shaw schaut in eine Märchenwelt. Halt, nein, das ist zu ungenau formuliert. Ihr Stück Entr’acte ist keine Märchenmusik, sondern Illusionsmusik. Inspiriert wurde sie vom Menuettsatz eines Haydn-Streichquartetts, von einem speziellen Übergang, der raffiniert ist und verblüffend einfach. «Ich liebe die Art und Weise, wie manche Musik einen plötzlich auf die andere Seite von Alices Spiegel bringt, in einer Art absurdem, subtilem ‹Technicolor-Übergang›», so die Komponistin.

 

Entr’acte ist ein Spiel mit Übergängen, die völlig unerwartet kommen, die verblüffen, irritieren, belustigen, die manchmal wackeln und manchmal wie an den Haaren herbeigezogen wirken. Die Musik kippt ein ums andere Mal auf die andere Seite – in Alice hinter den Spiegeln, der nicht ganz so bekannten Fortsetzung von Lewis Carrolls Kinderbuch Alice im Wunderland, schaut ja ein neugierig-fantasievolles Mädchen,  was hinter dem Spiegel ihres Zimmers zu finden ist. Sie entdeckt dort die lebendig gewordenen Gegenstücke zu den Dingen in ihrem Haus. Und übrigens auch ein Einhorn.

 

Ein Kind verlässt die eine Welt und betritt eine neue – nun gut,  dazu muss man kein Märchenbuch aufschlagen, in den Kreisssälen der Spitäler ist dies der Alltag. Die aus Lappland stammende Komponistin Outi Tarkiainen hat sich damit in einem Orchesterwerk auseinandergesetzt, wobei: The Rapids of Life wurde vom sogenannten ‹Ferguson-Reflex› inspiriert, einem Reflex, bei dem durch die Freisetzung von Oxytocin die Wehen unterstützt werden, und der sich nur bei wenigen Frauen einstellt, jedoch eine starke, geradezu magische Intensität haben muss. Die Musik jedenfalls klingt packend intensiv, es ist ein wellenartiges Anschwellen.

Und wenn sie nicht gestorben wäre? Dann wäre das 1. Violinkonzert von Béla Bartók und damit das vierte Werk dieses ‹Märchenhaft›-Programms wohl nie zur Aufführung gekommen. Bartók hatte es einer von ihm angebeteten Violinstudentin zugeeignet und ihr die Partitur auch geschenkt, obwohl er zu dem Zeitpunkt von ihr – Stefi Geyer war ihr Name – bereits eine Abfuhr bekommen hatte. Sie schloss es weg, es fiel in einen fast fünfzigjährigen Dornröschenschlummer, und erst nach Stefi Geyers Tod 1956 kam das Werk an die Öffentlichkeit.

 

Patricia Kopatchinskaja hat Bartóks zu Papier gebrachte  Liebesgabe unlängst in München gespielt und darüber in der ihr eigenen kommunikativen Art mit dem Publikum interagiert. Sie habe, teilte sie dort mit, die einzige «lustige Melodie» dieses spätromantisch-innigen Werks für ein ungarisches Volkslied gehalten, musste sich aber belehren lassen: Es handelt sich um ein deutsches Kinderlied, um einen Kanon mit folgendem Text: «Der Esel ist ein dummes Tier, was kann der Elefant dafür? Iah, iah, iah!» Und dann sollte das Publikum diesen  Kanon singen, unter Kopatchinskajas Anleitung. Ja, hinter Alices Spiegel sind die Rollen eben gerne mal vertauscht.

 

Autor: Stefan Schickhaus

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