In Liebe Bobyk gewidmet
Was verrät eine Widmung über ein Werk und über die Beziehung zwischen Komponist und gewürdigter Person? Alain Claude Sulzer folgt in seinem Essay den Spuren musikalischer Zueignungen von Beethoven bis Tschaikowski und zeigt, dass hinter ihnen oft mehr steckt als Höflichkeit oder Dank. Im Zentrum steht Tschaikowskis ‹Pathétique›, die seinem Neffen Bobyk gewidmet ist, und mit ihr die Frage, wie viel persönliches Geheimnis Musik in sich trägt.
Mehr als eine Geste
Widmung heisst eines der populärsten Lieder Robert Schumanns auf ein Gedicht von Friedrich Rückert («Du meine Seele, du mein Herz/Du meine Wonn’, o du mein Schmerz»), und man wundert sich nicht, dass darin kein Wort so oft wiederholt wird wie das intime ‹Du›. Dreizehn Mal wird die Gewürdigte angehimmelt, um schliesslich als selbstbezogenes Korrektiv, als «bess’res Ich» des Verehrers, zu enden. Wir brauchen keinen Namen, um zu wissen, dass es sich dabei um die Geliebte handelt.
Widmungen zwischen Dank und Kalkül
Jene, denen man ein Werk zueignet, müssen nicht unbedingt Geliebte oder Geliebter sein. Die Gründe einer Widmung können durchaus pragmatischer Natur sein, sie folgten bis ins 19. Jahrhundert in der Mehrzahl der Fälle einem praktischen Zweck. Wenn ein Komponist wie Jean-Baptiste Krumpholtz ein Werk seiner Gattin widmete («Dédié à Madame Son Epouse»), war das ehrenwert und zeugte von Zuneigung. Und wenn ein Komponist wie Anton Bruckner eine Sinfonie keinem Geringeren als «dem lieben Gott» ans Herz legte, entsprach das seiner religiösen Dankbarkeit. Einträglicher – und gängige Praxis – war es allerdings, sich an jemanden zu wenden, von dem man etwas erwarten durfte, wie Heinrich Schütz es am 1. Mai 1611 tat, als er sich «An den durchlauchtigsten Fürsten und Herren, Herrn Landgrafen Moritz von Hessen, Grafen von Catzenelenbogen, Dietz, Zigenhain und Nidda etc.» wandte, dem er seine ersten Madrigale widmete. Er hoffte, dass seine Hoheit «die kleine Gabe der Dankbarkeit» nicht verschmähen möge, um sich dann in einer nicht enden wollenden Eloge ganz und gar «der Tiefe Eurer fürstlichen Freigebigkeit» zu weihen und zu widmen.
Zwei Jahrhunderte später hatte Ludwig van Beethoven deutlich an Selbstbewusstsein gewonnen. Doch auch er war auf die Gnade und vor allem auf die Börse von Mäzenen angewiesen, ob sie nun Lichnowsky oder Lobkowitz hiessen oder ob es sich um die Gattin des österreichischen Kaisers handelte. Wenn er seine 3. Sinfonie Eroica ursprünglich Napoleon gewidmet hatte – eine Widmung, die er diesem nach dessen Krönung zum Kaiser bekanntlich wieder entzog –, dann nicht zuletzt deshalb, weil er davon überzeugt war, sich auf gleicher Augenhöhe mit demjenigen zu bewegen, den er einst verehrt hatte. Womit Beethoven ja – bedenkt man den anhaltenden Erfolg seiner Musik – nicht Unrecht hatte. Beethovens Name hat jenen Napoleons überflügelt.
Auch die Literaturgeschichte kennt die liebevolle, sachliche oder devote Widmung, man könnte sie sogar als eigene Gattung bezeichnen. Es gibt sie von Hesiod bis Brecht, wie der Germanist Walter Kühn nachgewiesen hat, und es wird sie weiterhin geben, solange sich ein Autor einer bestimmten Person zu Dank verpflichtet fühlt und diesem Dank Ausdruck verleihen möchte, etwa deshalb, weil sie ihn zu einem Werk inspiriert hat. In der kirchlichen und höfischen Auftragsmalerei hingegen verzichteten die Künstler naturgemäss auf schöne Worte – wo hätten sie sie auch unterbringen sollen? – und liessen stattdessen ihre Mäzene immer mal wieder auf den bestellten Gemälden erscheinen, vorzugweise als idealisierte biblische Gestalten oder antike Helden.
Bobyk im Zentrum der ‹Pathétique›
Wichtiger als die Widmung ist das Werk. Doch hinter jeder Widmung steht unzweifelhaft eine wichtige Geschichte. Wir kennen sie nur selten im Detail. Wo es knapp «Für meine Eltern in Dankbarkeit» heisst, setzen wir gern voraus, dass das Verhältnis des Sohns oder der Tochter zu ihnen ungetrübt war. Wirklich? Es darf spekuliert werden.
Während Pjotr Iljitsch Tschaikowski die 4. Sinfonie seiner Brieffreundin und Mäzenin Nadeschda von Meck widmete, waren die Bande zu den Widmungsträgern der 3. Und 6. Sinfonie intimer geknüpft. Die 3. Sinfonie widmete er seinem Schüler, temporären Gastgeber und zeitweiligen Liebhaber Wladimir Schilowsky, die 6. Sinfonie, Pathétique, seinem Lieblingsneffen und Haupterben Vladimir Davydov, Bobyk genannt, der zum Zeitpunkt ihrer Uraufführung 1893 – nur wenige Tage vor Tschaikowskis Tod – zweiundzwanzig Jahre alt war.
«Mehr als an jeden anderen Menschen denke ich an dich», hatte Tschaikowski Bobyk eines Tages geschrieben. «Ich möchte dich so gern sehen, deine Stimme hören; es wäre ein so grosses Glück für mich, dass ich zehn Jahre meines Lebens geben würde, wenn du mir erscheinen würdest, und sei es auch nur für eine Sekunde! Bobyk, ich bete dich an! Hier im Ausland, wo ich lange Tage ohne dich verbringe, kann ich die ganze Kraft und Grösse meiner Liebe zu dir ermessen.»
«Wichtiger als die Widmung ist das Werk»
Alain Claude SulzerEin Werk voller Rätsel
Jede Spekulation über eine intime Beziehung zu Bobyk, der ebenfalls homosexuell war und 1906 mit fünfunddreissig Jahren seinem Leben freiwillig ein Ende setzte, verbietet sich. Unbestritten ist, dass die Zuneigung des Onkels zu seinem Neffen masslos war; ob sie den Jungen überforderte, wissen wir nicht. Auch nicht, ob dieser sie in Tschaikowskis Sinn erwidern konnte. Eines hingegen ist gewiss: Ohne Symphonie Pathétique – ihren Namen verdankt sie übrigens Pjotr Iljitschs Bruder Modest Tschaikowski – wäre Vladimir Davydovs Name längst vergessen. Dank Tschaikowskis wahrhaft ergreifender, von Liebe erfüllter, ihm gewidmeter Musik, wurde die Sinfonie in gewisser Weise zu seinem Epitaph, was im Zusammenhang mit Tschaikowskis letztem Werk immer wieder erwähnt wird; wie auch an dieser Stelle.
«Auf meinen Reisen hatte ich einen Einfall zu meiner neuen Sinfonie, diesmal mit einem Programm, doch das Programm soll für alle ein Rätsel bleiben – mögen sie sich doch die Köpfe darüber zerbrechen! Sie wird Programmsymphonie (Nr. 6.) heissen. Das Programm ist bis ins Innerste subjektiv. Ich musste oft weinen, wenn ich sie auf meinen vielen Reisen in Gedanken komponierte.»
Nun, das «Programm» im Titel wich dem Pathos (páthos, gr. Schmerz; Leiden; Leidenschaft), aber über das Programm, das in der Musik steckt, kann man sich noch heute den Kopf zerbrechen, sofern man es nicht wie der Komponist macht – und einfach weint.
Autor: Alain Claude Sulzer