Schicksalspochen und Tauwetter

Werktext zum Abo-Konzert Nr. 3 ‹Schicksal›

Tschaikowski ist der populärste russische Komponist des 19. Jahrhunderts, Schostakowitsch der meistgespielte des 20. Ist er also der Tschaikowski der Gegenwart? Sigfried Schibli geht dieser Frage nach und zeigt, wo der Vergleich trägt und wo nicht. Er führt vom Schicksalsthema in Tschaikowskis Vierter zu Schostakowitschs Cellokonzert, in dem sich der Komponist mit seinem Tonmotiv D-Es-C-H selbst verewigt hat, und zu einem georgischen Lied, das Stalin besonders liebte.

Pjotr Iljitsch Tschaikowski ist der populärste russische Komponist des 19. Jahrhunderts. Dmitri Schostakowitsch ist der meistgespielte russische Komponist des 20. Jahrhunderts. Liegt es nicht nahe, daraus den Schluss zu ziehen: Schostakowitsch ist der Tschaikowski der Gegenwart? Tatsache ist, dass heute in den Konzertsälen der Welt fast ebenso oft Sinfonien des modernen Klassikers Schostakowitsch erklingen wie solche des spätromantischen Schöpfers der 4. Sinfonie in f-Moll, die im November-Konzert des Sinfonieorchesters Basel zu hören ist.

Wie viele Vergleiche ist auch dieser nur bedingt tragfähig. Gewiss zeigen sich im Schaffen beider russischer Meister Spuren ihres Lebensschicksals. Wobei sich im Werk Tschaikowskis seine unglückliche Eheschliessung im Jahr 1877 und das Leiden unter seiner nicht ausgelebten Homosexualität niederschlugen, während das Schaffen Schostakowitschs durch die Zwänge der stalinistischen Kulturpolitik geprägt war. Tschaikowski konnte schreiben, was und wie er wollte, während Schostakowitsch unter dem Diktat des ‹sozialistischen Realismus› stand.

Es war für einen sowjetischen Komponisten selbstverständlich, sich mit der musikalischen Tradition Russlands auseinanderzusetzen. In einer Rede vor jungen sowjetischen Komponist*innen ging Schostakowitsch 1955 auf Tschaikowski und insbesondere auf dessen 4. Sinfonieein. Er vertrat die Meinung, Musik solle nicht nur einer einzigen Stimmung Raum geben, sie sei vielmehr auf den Kontrast angewiesen. Das habe Tschaikowski im Finale seiner Schicksalssinfonie vorgemacht. «Stellen Sie sich vor», sagte Schostakowitsch, «wie diese Musik an Wirkung verlierenwürde, wenn sie ganz und gar nur sehr heiter, festlich wäre und nicht durch das aus den vorangegangenen Sätzen bekannte ‹Schicksalsthema› unterbrochen würde!»

Dieses stark rhythmisierte Thema steht wie ein mächtiges Portal am Anfang der 1877 entstandenen viersätzigen Sinfonie. Die Triolen-Sechzehntel pochen wie das unentrinnbare Schicksal an die Tür – im langen 1. Satz, aber auch im Finale. Im sanglichen 2. Satz und im 3. mit seinem reizvollen Pizzicato-Klang pausiert das Thema, um sich dann im Finale umso mächtiger zu behaupten. Zwar hat sich die Musik von Moll nach Dur gewendet und gibt auch einem russischen Volkslied Raum (Vo pole bereza, Stand ein Birkenbaum), aber ganz lässt sich das Schicksal in Gestalt des pochenden f-Moll-Themas nicht ausblenden.


Ebenfalls viersätzig und marschartig ist das 1. Konzert für Violoncello und Orchester in Es-Dur von Dmitri Schostakowitsch. Der Komponist widmete es dem Cellisten Mstislaw Rostropowitsch (1927–2007). Er bekannte, dass er es unter dem Eindruck des ‹Symphonischen Konzerts› von Sergei Prokofjew geschrieben hatte, das wiederum eng mit dem Namen Rostropowitsch verbunden ist. Beide Werke wurden von diesem herausragenden Solisten uraufgeführt.

Typisch für das Schaffen von Schostakowitsch war seine Vorliebe für kurze, sinnstiftende Motive nach dem Vorbild der B-A-C-H Werke von Johann Sebastian Bach. Sein Namenssymbol lautete D-Es-C-H – die Initialen seines Namens. Mit einem ähnlichen Motiv beginnt das Cellokonzert, nämlich mit den Tönen G-E-H-B. Es zieht sich durch den 1. Satz, in welchem das solistische Horn eine Art zweites Soloinstrument neben dem Cello ist.

Die vier Sätze haben je ihr eigenes Gepräge. Auf den marschartigen Kopfsatz folgt ein volksliedhafter Satz, dem zuerst das Solo-Horn seinen Stempel aufdrückt. Von unerhörtem Klangreiz ist der Schlussteil, in welchem die hohen Flageolett-Töne des Cellos mit Celesta und Horn eine zauberhafte, unwirkliche Atmosphäre erzeugen. Welch ein Kontrast zum hart peitschenden Charakter des 1. und des letzten Satzes!

In fast jedem Instrumentalkonzert gibt es eine grosse Kadenz für das Soloinstrument. In diesem Fall ist sie zu einem selbstständigen Satz erweitert, einem 148 Takte langen Cello-Monolog, in dem sich Lyrik und Marsch verbinden. Ein rasendes, von Ostinato-Figuren und kurzen Einwürfen des Vierton-Motivs geprägtes Finale beschliesst das gut halbstündige Werk. Wie Schostakowitsch dem Cellisten Rostropowitsch anvertraute, ist ein georgisches Lied (Suliko) darin eingewoben. Josef Stalin, der aus Georgien stammende Diktator, liebte dieses Lied ganz besonders. Da er sechs Jahre vor der Entstehung dieser Partitur gestorben war und inzwischen das sogenannte ‹Tauwetter› herrschte, stellt sich die Frage, ob Schostakowitsch mit diesem Werk wirklich an den Georgier Stalin erinnern wollte.

Autor: Sigfried Schibli

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