Weltentrückte Liebe zwischen Abgründen
Ein Dampfschiff nähert sich durch den Nebel, dazu erklingt das ‹Adagietto›: Mit diesem Bild machte Luchino Visconti Gustav Mahlers ‹Fünfte› weltberühmt. Doch der zarte Satz, den Mahler seiner späteren Frau Alma Schindler widmete, ist nur eine Seite dieser Sinfonie. Autor Marco Frei folgt dem Werk durch Trauermärsche, jähe Ausbrüche und ein ‹Scherzo›, das zum Totentanz wird – und zeigt, wie nah bei Mahler Liebe und Abgrund beieinanderliegen.
Ein Dampfschiff nähert sich aus der Ferne durch den Nebel, begleitet vom Adagietto aus der Sinfonie Nr. 5 von Gustav Mahler. So beginnt der Film Tod in Venedig von Luchino Visconti aus dem Jahr 1971 nach der gleichnamigen Novelle von Thomas Mann. Es ist nicht das erste Mal, dass der berühmte Filmregisseur aus Italien Musik von Mahler verwendet. Schon in Senso von 1954 zitiert Visconti nicht nur Mahler, sondern auch Anton Bruckner, aber: Dieses eine Zitat aus der Fünften bewirkt eine enorme Popularisierung Mahlers.
In der Folge setzt sich konkret die Fünfte vollends im Konzertbetrieb durch. Nach zwei Weltkriegen und Aufführungsverboten von Mahlers Musik im Nationalsozialismus und im Stalinismus ist sein Schaffen nun im Kernrepertoire angekommen. Für Visconti ist das Adagietto der perfekte Soundtrack, um die geheimnisvolle, unwirklich schwebende, morbide Atmosphäre in Venedig einzufangen – allein wegen der Instrumentation.
Denn dieser 4., vorletzte Satz aus der Fünften ist, singulär im Schaffen Mahlers, über die gesamte Dauer nur mit Streichern und Harfe besetzt: keine Pauken, Blech- oder Holzbläser. Für Mahler selber war dieses Adagietto eine Liebeserklärung an seine spätere Ehefrau Alma Schindler. Das erzählt jedenfalls sein Freund, der Dirigent Willem Mengelberg. Im November 1901 lernt Mahler die Tochter des Wiener Landschaftsmalers Emil Schindler kennen. Im Sommer des gleichen Jahres hat Mahler seiner Vertrauten Natalie Bauer-Lechner von ersten Ideen für eine Fünfte berichtet.
In Maiernigg am Wörthersee spielt er dieser zudem sechs neue Rückert-Vertonungen vor, darunter das Lied Ich bin der Welt abhanden gekommen, das auch im Adagietto anklingt. Mit den Rückert-Liedern verlässt Mahler die Welt der Wunderhorn-Lieder, wie sie seine Sinfonien Nr. 1 bis Nr. 4 bestimmen. Auch kann der Mahler-Forscher Constantin Floros im Adagietto das Blick- oder Bildmotiv aus Richard Wagners Tristan und Isolde nachweisen; nach der Einnahme des Liebestranks sehen die beiden Titelhelden einander mit anderen Augen, ein Begehren flammt auf.
Das alles bestätigt Mengelbergs Bericht. In dieser Lesart steckt im Adagietto eine weltentrückte Liebesbotschaft, umgeben von Abgründen. Davon zeugen allein die ersten beiden Sätze, zusammen die erste von insgesamt drei Abteilungen. Sie sind von Trauermärschen, wüsten Ausbrüchen und heftigen Einstürzen geprägt. In der Sinfonik sind Trauermärsche seit Beethovens Eroica-Sinfonie Nr. 3 nicht ungewöhnlich, so auch bei Mahler selber im langsamen Satz der Ersten.
Den Kopfsatz der Fünften bezeichnet er jedoch mit Trauermarsch. In gemessenem Schritt. Wie ein Kondukt. Das ist ein Novum. Die punktierte Trauerfanfare der Solo-Trompete zu Beginn zitiert das Lied ohne Worte op. 62 Nr. 3 für Klavier von Felix Mendelssohn Bartholdy: ein Trauermarsch in e-Moll. Im 2. Satz Stürmisch bewegt. Mit grösster Vehemenz erklingt wiederum gegen Ende ein Choral-Durchbruch, der in diesem Kontext wie ein Fremdkörper wirkt. Die Auflösung erfolgt gegen Werkende im Rondo-Finale.
Dort steigert sich dasselbe Choral-Thema euphorisch. Das Leid scheint schlussendlich überwunden. Bis dahin aber markiert das Scherzo des 3. Satzes einen weiteren Abgrund. Es ist eine der abstraktesten und gleichzeitig bösesten Musiken aus der Feder Mahlers. Davon können weder das Solo-Horn noch das erste Trio in Gestalt einer – vermeintlich – harmlosen Valse ablenken. Dieser Scherzo-Spuk trägt bald Züge eines Totentanzes.
Für Floros ist das Scherzo ein «Media vita in morte sumus», also «Mitten im Leben sind wir des Todes». Als die Fünfte 1904 in Köln uraufgeführt wird, sind die Reaktionen geteilt. In einem Brief an Mahler im März 1905 äussert sich Richard Strauss begeistert und meint vor allem die ersten drei Sätze. Das Scherzo nennt er «genial». Nur das Adagietto habe seine Freude «etwas getrübt», aber: «Dass dasselbe beim Publikum am meisten gefallen hat, geschieht Ihnen dafür auch ganz recht.»
Autor: Marco Frei