«Das Entscheidende ist der Groove!»

Interview mit Wayne Marshall

George Gershwins Musik muss man fühlen, sagt der Dirigent, Pianist und Organist Wayne Marshall. Er muss es wissen: Das Werk Gershwins zieht sich wie ein roter Faden durch sein Musikerleben. Ein Gespräch über einzigartige Klangwelten, eine aussergewöhnliche Liebesgeschichte und die Aktualität von ‹Porgy and Bess› im 21. Jahrhundert.

Elisabeth von Kalnein: Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit der Musik George Gershwins. Entdecken Sie darin noch Neues?

Wayne Marshall: Definitiv! Ich entdecke noch immer Stücke von ihm, die ich vorher nicht kannte. Das Wichtigste bei Gershwin ist: Man muss seine Musik fühlen. Es geht nicht um das, was in der Partitur steht. Das möchte ich den Orchestern, mit denen ich arbeite, vermitteln.

 

 

EK: Unter Ihrer Führung scheinen sich Sinfonieorchester in Jazzbands zu verwandeln. Wie gelingt Ihnen das?

WM: Jazz ist grösstenteils improvisiert. Gershwin hingegen musste seine Musik notieren, dabei aber Kompromisse eingehen, damit es auf dem Papier ‹richtig› aussieht. Ich fordere die Musiker*innen auf, sich nicht so exakt an die Noten zu halten und zum Beispiel Tonlängen zu verändern. Das Entscheidende ist der Groove!

 

 

EK: Erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit Gershwins Musik?

WM: Ja. Ich war acht Jahre alt und hörte im Radio sein Klavierkonzert. Und – mein Gott – das war ein einschneidendes Erlebnis! Solche Musik hatte ich noch nie gehört. Ich wollte unbedingt die Partitur haben, obwohl ich noch keine Noten lesen konnte. Etwas später habe ich es irgendwie geschafft, das Konzert zu lernen. Ich habe versucht, die Aufnahme, die ich im Radio gehört hatte, nachzuahmen.

 

 

EK: Auch über Gershwin hinaus sind Sie bekannt für die Interpretation von Werken aus den USA des 20. Jahrhunderts. Wieso passt diese Musik so gut zu Ihnen?

WM: Wegen des Jazzigen. Bei George Gershwin und Leonard Bernstein ist es sehr präsent, aber auch bei Aaron Copland und Cole Porter. Sie haben einzigartige Klangwelten geschaffen. Neben dem Jazz haben sie Musical-Elemente übernommen. Dieser Sound ist mir vertraut: Ich bin mit der Musik von Hollywood-Musicals aufgewachsen. Diesen Klang, die Spielweise und das besondere ‹Feeling› greife ich auf.

 

 

EK: Gershwins Oper begleitet Sie seit Langem. 1986 bereits haben Sie bei einer Produktion von Porgy and Bess in Glyndebourne mitgespielt. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

WM: Das hat mein Leben verändert. Meine Schwester hat damals für den Opernchor vorgesungen, und ich habe sie am Klavier begleitet. Simon Rattle hörte mich spielen und engagierte mich daraufhin nicht nur für eine Rolle auf der Bühne, sondern auch als Korrepetitor. Es war meine erste Begegnung mit der Welt der Oper. Eigentlich wollte ich ja Kirchenorganist werden und dachte nicht ans Dirigieren. Durch diese Oper haben sich mir ganz neue musikalische Wege eröffnet.

«Ich bin Wayne, that’s it.»

Wayne Marshall, Dirigent

EK: Sie führen in Basel Ihre eigene konzertante Fassung von Porgy and Bess auf.

WM: Dabei habe ich mich auf die Hauptfiguren konzentriert und die besten musikalischen Momente so zusammengefügt, dass der erzählerische Bogen erhalten bleibt.

 

EK: Wie sehen Sie die Liebesgeschichte zwischen Porgy and Bess?
WM: Es ist eine Geschichte des Lebens: Zwei Menschen begegnen sich unter den unwahrscheinlichsten Umständen, sie verlieben sich, durchleben Krisen und Tragödien … Besonders interessant finde ich das offene Ende: Bess verfällt wieder den Drogen und geht nach New York. Porgy macht sich – trotz seiner Armut und seiner Behinderung – auf den Weg, um sie zu finden. Wie könnte die Geschichte weitergehen? Was erlebt Porgy in New York? Findet er Bess?

 

EK: Porgy and Bess spielt in einem von Gewalt und Armut geprägten Milieu. Die Figuren sind Afroamerikaner*innen. Gershwin hat sie bei der Uraufführung mit schwarzen Sänger*innen besetzt. Sehr ungewöhnlich damals.

WM: Es spiegelt Gershwins Vorstellung von dieser Community wider. Er ist selbst nach South Carolina gereist, dem Schauplatz der Oper, um sich von den Menschen und deren Kultur inspirieren zu lassen – und von ihrer Musik: dieser Mix aus Jazz, Gospel, Rap, dieser besondere Klang von schwarzen Sänger*innen. Gershwin ist es gelungen, das nachzuahmen.

 

EK: Gershwin hat verfügt, dass Porgy and Bess auf der Bühne nur mit schwarzen Sänger*innen aufgeführt werden soll. Auch bei Ihrer konzertanten Fassung besetzen Sie die Solorollen mit People of Color.

WM: Ja, das ist mir wichtig, es gehört einfach dazu. Um die Musik zum Leben zu erwecken, braucht es eine bestimmte Art zu singen. Und die beherrschen vor allem schwarze Sänger*innen. Ich denke nicht so viel über die politische Dimension nach. Mir geht es um den Willen des Komponisten und um den richtigen Sound. Meine Eltern haben mir das Gefühl mitgegeben, genauso zu sein, wie alle anderen. Ich sehe mich nicht als schwarz oder weiss – ich bin Wayne, that’s it. Wir sind alle gleich auf diesem Planeten.

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