Der Geist, der mit sich ringt

Jan Lisiecki spielt im 2. Abokonzert ‹Sehnsucht› Robert Schumanns Klavierkonzert. Warum das für ihn die Musik eines Geistes ist, der mit sich ringt, erzählt der Pianist im Gespräch mit Benjamin Herzog.

Jan Lisiecki spielt in Basel das Klavierkonzert von Robert Schumann. Für den kanadisch-polnischen Pianisten ist das Musik eines Geistes, der mit sich selber ringt. Schumanns überbordende Fantasie entfaltet sich für Lisiecki einerseits in der Beschreibung einer Seelenlandschaft und andererseits in einem rasenden Abwechslungsreichtum, der typisch ist für den Komponisten – aber auch für unsere Zeit.

Benjamin Herzog: Was ist das Schumann-Konzert für Sie: Eine Art innerer Landschaft, ein Klanggedicht oder eine Opernszene, so wie ich das in Ihrer Aufnahme des Konzerts im langsamen Mittelsatz höre?


Jan Lisiecki: Ja, besonders der langsame Satz wirkt auf mich wie eine Opernszene. Man weiss natürlich, dass der erste Satz getrennt vom Rest des Konzerts geschrieben wurde, und das spürt man auch ganz deutlich, denn dieser erste Satz ist bereits eine in sich geschlossene Geschichte, die alles enthält, um für sich allein zu stehen. Doch dann hat Schumann, ich glaube auf Claras Wunsch hin, die beiden anderen Sätze daran angefügt. Sehr geschickt gemacht. Der zweite Satz etwa beginnt absolut einzigartig: Diese Art von Einladung des Klaviers an das Orchester und dessen Antwort darauf, das ist einfach genial. In gewisser Weise haben Sie bei Schumann immer den Kampf zwischen dem Inneren und dem Äusseren. Seine Kompositionen zeigen uns immer diese beiden Charaktere, die ständig miteinander konkurrieren. Sein eigener Geist ringt mit sich selbst – ich glaube, diesen starken Kontrast findet man bei Schumann immer wieder.


BH: Man könnte also sagen, Schumanns Klavierkonzert beschreibt, auf poetische Weise, eine Seelenlandschaft?


JL: Ich denke, ja. Auch wenn die Kadenz des ersten Satzes oder der ganze dritte Satz dann recht extrovertiert sind. Dieser dritte Satz ist ein Spiel, ein sehr amüsantes Spiel auch im Zusammenwirken mit dem Orchester.


BH: Franz Liszt hat einmal gesagt, das Schumann-Konzert sei ein Konzert «ohne Klavier».


JL: Ich glaube, die besten Klavierkonzerte sind diejenigen, die den Fokus auf das Zusammenspiel von Klavier und Orchester legen und nicht diese Art pianistischer Brillanz haben, die für Liszt selber als Klaviervirtuose und Komponist das Wichtigste war. So gesehen war das das beste Kompliment, das Liszt machen konnte. Schumann wollte ja ganz bewusst ein Konzert schreiben, das nicht wie die anderen Klavierkonzerte seiner Zeit war, keine Bühne für einen Virtuosen. Und das ist ihm sicher gelungen.


BH: Wenn Sie nun ein Rachmaninow- Konzert angeboten bekommen, der definitiv Konzerte ‹mit› Klavier geschrieben hat, würden Sie das trotzdem spielen?


JL: Natürlich. Aber gerade das zweite Rachmaninow-Konzert – da sind die Melodien so bekannt, und Rachmaninow wiederholt sie andauernd. Diesen Wiederkäu-Effekt haben Sie bei Schumann nicht, auch nicht bei Mendelssohn. Da jagt eine Idee die andere. Kaum etwas wird richtig entwickelt, schon kommt das Nächste …


BH: Sehr zeitgemäss, wenn man an die kurzen Aufmerksamkeitsspannen von uns heute denkt.


JL: Ja, diese Komponisten sagen mit ihrer Musik: Das war gut, aber da habe ich eine noch bessere Idee und dann eine nochmals bessere. Es wird einem nie langweilig.

«Wenn man in der Musik nur nach Perfektion strebt, entfernt man sich von der Kunst.»

Jan Lisiecki

BH: Sie haben es angesprochen: Schumanns Klavierkonzert war ursprünglich als einsätzige Fantasie konzipiert. Er hat sich dann aber zur klassischen dreisätzigen Form entschlossen, auch weil er so leichter einen Verleger fand. Schumann hat also gewissermassen einem kommerziellen Druck nachgegeben. Schon damals. Und heute: Was können wir alle tun, um im Klassikbusiness diesem Druck, den es ja heute noch viel stärker gibt, zu widerstehen?


JL: Qualität ist da sicher der wichtigste Punkt. Oft leidet die Qualität aus kommerziellen Gründen. Dazu kommt, dass das Publikum, vor allem nach der Pandemie, eher nach dem Bekannten verlangt hat, nach einer Fünften von Beethoven, nach den grossen Interpretennamen. Es wurde nach Covid schwieriger, Musik zu spielen, die nicht so bekannt war. Das hat ja auch sein Gutes. Die Leute gingen in die Konzerte, weil sie das, was sie da hörten, auch wirklich hören wollten. Nun ist es wieder in unserer Verantwortung, in den Konzertprogrammen Bekanntes und Unbekanntes einander gegenüberzustellen.


BH: Gelingt Ihnen das?


JL: Ja, am besten in meinen Solorezitalen. Das ist wirklich meine Welt, meine Sphäre. Da kann ich Sachen, die populär sind und die alle lieben, mit Repertoire kombinieren, das vielleicht nicht so bekannt ist. Bei Konzerten mit Orchester ist das weniger einfach. Das Schumann-Konzert lässt sich eben viel leichter integrieren als zum Beispiel eines der beiden Konzertstücke op. 92 und 34 des Komponisten ...


BH: ... die Sie zusammen mit dem Klavierkonzert auf CD eingespielt haben ...


JL: ... und die mit jeweils bloss 15 Minuten eben auch kürzer sind und somit auch schwieriger zu programmieren. Da gibt es vielleicht einen Veranstalter, der das nimmt. Und alle anderen wollen dann doch wieder das Konzert. Kommt dazu, dass diese beiden Konzertstücke viel schwieriger zu spielen sind, und ich mehr Zeit mit Üben verbringe. Es ist eben alles eine Frage der Balance. Manchmal kann man etwas Besonderes machen, zum Beispiel bei einer Aufnahme. Und manchmal spielen pragmatische Überlegungen eine Rolle.


BH: Sie gehören weltweit zu den Top-Pianisten. Damit verbunden sind hohe Erwartungen, Erfolgsdruck – wie gehen Sie damit um?


JL: Ich möchte natürlich diesem Anspruch gerecht werden. Wenn die Leute zum Konzert kommen und hohe Qualität erwarten, dann werde ich ihnen genau das bieten. Aber letztendlich geht es auch um den Spass. Den Spass für mich selbst und für das Publikum. Ja, man kann sich durchaus in der Perspektive der Perfektion festfahren. Doch wenn man in der Musik nur nach Perfektion strebt, entfernt man sich von der Kunst, und so ist es – auch hier – immer eine Frage der Balance. Natürlich geht es auf hohem Niveau vor allem darum, perfekt spielen zu können. Aber noch wichtiger als das Spielen der richtigen Töne ist es, dies zu nutzen, um sich darüber hinaus auszudrücken. Und genau dieser Gratwanderung muss man sich immer bewusst sein.

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