Facetten der Leidenschaft
Mit Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowski, von Josef Suk und Ottorino Respighi prallen im Konzert ‹Leidenschaftlich› verschiedene Intensitäten von Emotionen aufeinander. Erschütternd in Tschaikowskis ‹Symphonie Pathétique›, versteckt, aber nicht minder stark, in den beiden Werken für Violine und Orchester von Suk und Respighi.
‹Leidenschaft›: eine das Gemüt, das Denken, Gefühl und Wollen völlig ergreifende Emotion. So sagt es das Lexikon. Eine Steigerung wäre ‹Inbrunst›, aber die ist völlig aus der Zeit gefallen. Eine Künstlerin wie Julia Fischer kann man doch nicht fragen: Frau Fischer, sind Sie eine inbrünstige Person? Die Frage nach der Leidenschaftlichkeit war zwar auch schon etwas peinlich, aber nun gut, es sei gewagt. Und Julia Fischer nahm es professionell und antwortete: «Ich denke, jeder Musiker muss leidenschaftlich sein. Im emotionalen Sinne, aber auch in der Herangehensweise, der Arbeit, der Hingabe für den Beruf.»
‹Leidenschaftlich›, mit diesem Schlagwort ist das Konzertprogramm des Sinfonieorchesters Basel überschrieben, in dem die Geigerin Julia Fischer zwei Werke vorstellen wird, bei denen das Wort ‹vorstellen› wirklich noch passt. Fischer ist bekannt dafür, nicht immer nur die Standard-Violinkonzerte zu spielen, sondern auch abseits des Mainstreams aktiv zu sein. Wobei sie nicht in solchen Kategorien denkt: «Meiner Meinung nach ist es die Aufgabe eines Künstlers Werke zu spielen, die er versteht und von denen er überzeugt ist.»
«Das bin ich wohl selber!», so reagierte Julia Fischer, als ihr für die Rubrik ‹Blind gehört› des Musikmagazins Concerti Violinwerke vorgespielt wurden mit der Bitte um Bewertung. Ja, bei Ottorino Respighis Poema autunnale gibt es einfach nicht allzu viele Alternativen zu ihrer eigenen CD-Aufnahme von 2011. Respighis ‹Herbstgedicht› ist melancholische Musik ohne grossen ‹inbrünstigen› Ton. Der
Komponist, der sich damit vor hundert Jahren in eine Welt von Faunen, Bacchantinnen und dem flötenden Pan begeben hat, zeigt sich hier von seiner lyrischen Seite – gleichwohl wird er auch leidenschaftlich, stürzt die Violine in das stampfende dionysische Fest, sorgt so kurzzeitig für Feuer in der sonst beschaulichen Szenerie. «Es war der Dirigent Giuseppe Sinopoli, der mich auf Respighis Violinwerke aufmerksam gemacht hat», erklärt Julia Fischer. «Ich war von seiner Musik sofort begeistert. Ich halte ihn für einen unterschätzten Komponisten, der viel zu selten gespielt wird.»
Auf derselben CD findet sich auch die von Julia Fischer eingespielte Fantasie für Violine und Orchester von Josef Suk, auch das eine pastorale Musik mit inniger lyrischer Komponente. Der Komponist, übrigens der Schwiegersohn von Antonín Dvořák, meinte zu seinem Stück, es sei «als sänge ein junges tschechisches Mädchen irgendwo am Waldesrand eine schlichte und anrührende Weise – das Lied unserer Wälder, Felder und Auen.»
Für die meisten ist Suks Fantasie ein Werk mit Raritätencharakter, nicht aber für Julia Fischer. «Die Fantasie von Josef Suk hörte ich schon als kleines Kind: Da meine Mutter aus der ehemaligen Tschechoslowakei stammt und in Prag studiert hat, waren die grossen tschechischen Komponisten – Dvořák, Smetana, Suk, Janáček – bei uns zu Hause ständig zu hören. Ich hatte eine CD des Geigers (und Suk-Enkels) Josef Suk, auf der er das Violinkonzert von Dvořák und die Fantasie seines Grossvaters spielte. Ich war von beiden Werken sofort hingerissen und dachte, ehrlich gesagt, dass sie zum Grundrepertoire eines jeden Geigers gehören.»
Zwei Mal wenig bekannt, ein Mal umso vertrauter: Zu Respighi und Suk gesellt sich in diesem Konzert Pjotr Iljitsch Tschaikowski mit seiner letzten Sinfonie, der Symphonie Pathétique. Ein Werk voller Leidenschaft? Unbedingt! Furios im 3. Satz, dem vorletzten, nach dem aber erfahrungsgemäss
der Applaus losbricht – dieser soghaften Schlusswirkung kann man sich ja kaum entziehen. Doch dann folgt noch das umso nachhaltiger wirkende Lamentoso. Ein Finale so, wie noch nie eine Sinfonie endete, schon gar nicht bei Tschaikowski: leise, versinkend, resignativ. Tschaikowskis Pathétique ist eine Sinfonie, die ‹Leiden schafft›, denn der Komponist gestand, dass er «unterwegs in Gedanken komponierend, oft heftig weinte». Er starb neun Tage nach der von ihm selbst dirigierten Uraufführung, vermutlich an der Cholera. Die Theorie, er sei von einem Ehrengericht wegen seiner Homosexualität zum Freitod gezwungen worden, würde zwar schön in das Bild von der Pathétique als Tschaikowskis eigenem Requiem passen, sie muss aber als widerlegt angesehen werden.
Autor: Stefan Schickhaus