«Meine Familie sagt, ich sei ein Optimist!»
Ist das Schicksal Gegenspieler oder Impulsgeber? Dirigent Robert Trevino hat dazu eine klare Haltung. Im Interview mit Oliver Kerstholt spricht er über Mauern, die er im Musikbetrieb gerne abbauen möchte, darüber, wer ihn unsichtbar auf die Bühne begleitet, und was Schostakowitsch und Tschaikowski von ihm verlangen. Seine Antwort: alles.
Robert Trevino vereint in seinen Auftritten stille Leidenschaft mit ausserordentlicher Disziplin. Äussere Zeichen dafür sind die Präzision seines Taktschlags und die trügerisch zurückhaltenden, weil unerkennbar kraftvollen,
Gesten seines Dirigats. Eigenschaften, mit denen er sich als einer der herausragenden Dirigenten der jüngeren Generation etabliert hat. In Basel präsentiert er Dmitri Schostakowitschs Cellokonzert Nr. 1 – ein Werk, das der Komponist für seinen Freund, den bekannten Cellisten Mstislaw Rostropowitsch, geschrieben hat − sowie Pjotr Iljitsch Tschaikowskis Sinfonie Nr. 4. Dessen Schicksalssinfonie.
Oliver Kerstholt: Robert Trevino, Ihr Auftritt in Basel steht unter dem Thema ‹Schicksal›. Das hat es mit Ihnen gut gemeint. Kann man das mit etwas Sympathie für Vereinfachung so sagen?
Robert Trevino: Ich muss zugeben, das Schicksal hat mir nicht das Schlimmste beschert! Andererseits bin ich in meinem Leben immer davon ausgegangen, dass wir alle eine Bestimmung haben, und wenn wir unser Bestes geben, ist das Schicksal vielleicht eher ein Impulsgeber als ein Gegenspieler. Jedenfalls sagt meine Familie mir immer, ich sei ein Optimist!
OK: Vor diesem Hintergrund haben Sie es sich zu einer Aufgabe gemacht, Mauern, die im klassischen Musikbetrieb immer noch bestehen, abzubauen. Oder eher einzureissen?
RT: Mauern finden wir überall. In uns selbst, gegenüber anderen, an den Rändern unserer Gesellschaft und an Landesgrenzen. Vielleicht versuche ich deshalb auf meine bescheidene Weise, einige davon zu beseitigen. Vorab innerhalb meiner Kunstform, am überzeugendsten wohl aber bei den Menschen, mit denen und für die ich Musik mache. Nehmen wir das wunderbare Publikum des Sinfonieorchesters Basel, das ich im Lauf unserer langjährigen Zusammenarbeit so sehr ins Herz geschlossen habe: Jedes Mal, wenn das Orchester und ich auftreten, geben wir uns dem Publikum von ganzem Herzen und ohne Vorbehalte hin – ist das nicht das Gegenteil einer ‹Mauer›? Wenn wir Kritiker*innen oder Zuhörer*innen akzeptieren, für die unsere Interpretation an einem bestimmten Abend vielleicht nicht die bevorzugte war, und gleichzeitig diejenigen zu schätzen wissen, die bewegt waren – ist nicht diese Offenheit das Gegenteil einer Mauer? Wie wäre es mit einer Zeitreise ins Jahr 1799, um ein Werk von Beethoven zu spielen, oder ins Jahr 1913, um ein Werk von Strawinsky zu spielen, oder ins Jahr 2025, um ein Werk von John Adams zu spielen – ist diese Überwindung der Zeit nicht das Gegenteil einer Mauer? Um meine liebe Mentorin Dr. Maya Angelou zu zitieren: «Wenn etwas menschlich ist, kann es mir nicht fremd sein, denn ich bin ein Mensch.»
OK: Einen anderen Ihrer Mentoren, Kurt Masur, zitieren Sie mit der Weisheit «Höre auf das Orchester und seine Kultur. Es wird dich lehren, gute Klänge hervorzubringen.» Wie gestaltet sich diesbezüglich die Zusammenarbeit mit dem Sinfonieorchester Basel?
RT: Maestro Masur hatte Recht und hat es immer noch, und seine Worte tönen fast täglich in meinen Ohren. Das Sinfonieorchester Basel besteht aus absolut aussergewöhnlichen Musiker*innen, die ihr Leben lang daran gearbeitet haben, ihre individuellen Fähigkeiten in Klang, Ausdruck und Interpretation zu verfeinern. Ich wäre ein Narr, wenn ich nicht mein Bestes gäbe, ihnen ‹zuzuhören›; gleichzeitig gibt es die Anforderungen der Komponierenden, die Herausforderungen und Möglichkeiten von Konzertsälen. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass das Sinfonieorchester Basel meine Aufmerksamkeit den Komponist*innen gegenüber und meine Liebe zu seinem wunderschönen und kraftvollen Klang zu schätzen weiss. Jedes Orchester hat seine eigenen Besonderheiten, und dann ist da ja noch die ‹Chemie› zwischen Dirigent und Orchester. Ich kann nicht für die Musiker*innen sprechen, aber ich persönlich liebe es jedes Mal heiss und innig, mit ihnen Musik zu machen!
«Mauern finden wir überall. Auf meine bescheidene Weise versuche ich, einige davon zu beseitigen.»
Robert TrevinoOK: Gibt es jemanden, die oder der Sie metaphysisch in den Konzertsaal begleitet?
RT: (lacht) Diese Frage wurde mir noch nie gestellt. Aber ja, tatsächlich. Die Antwort ist zwar vage, aber ich hoffe dennoch klar genug. Als Erstes denke ich an Gott, meinen Schöpfer und Beschützer. Mir ist nämlich bewusst, wie klein ich bin, wie wenig Macht ich habe, und dennoch ist es mir möglich, in der Musik und mit meiner Familie so viele aussergewöhnliche Dinge zu vollbringen. Wie könnte ich, der ich so klein bin, so viel Kraft besitzen, etwas zu bewirken und Licht in die Welt zu bringen, wäre mir nicht etwas Göttliches geschenkt worden? Das ist mein ganz persönliches Gefühl, und ich teile es aus Aufrichtigkeit mit den Leser*innen dieses Magazins. Ich denke auch an meine Familie. Daran, dass ich sie stolz mache, wenn ich auf die Bühne gehe, vor allem, wenn sie nicht bei mir sind, und ich denke auch daran, dass ich jeden Moment liebe und etwas schaffe, das sich nicht in Worte fassen lässt. Sehen Sie, es fällt mir ziemlich schwer, so oft von meiner Frau und meinem Sohn getrennt zu sein. Das ist das grösste Opfer, das ich und sie für meine Liebe zur Musik bringen. Bevor ich also auf die Bühne gehe, hoffe ich, dass das, was ich tue, sie stolz macht und ihnen das Gefühl gibt, meine physische Abwesenheit sei gerechtfertigt. Und schliesslich denke ich an all jene, die mir halfen, mich unterrichteten und teilhaben liessen, damit dieser Moment des Musizierens möglich wird. Wenn ich die Bühne betrete, bin ich nicht allein, ich komme in Begleitung vieler, die mich geliebt haben und lieben.
«Wenn ich die Bühne betrete, bin ich nicht allein, ich komme in Begleitung vieler, die mich geliebt haben und lieben.»
Robert TrevinoOK: Sie sind bekannt für Ihre hohen Ansprüche, haben sich auch schon als «Kämpfer gegen die Mittelmässigkeit» beschrieben und sehen sich, wie eben schon erwähnt, stark auch den Komponist*innen verpflichtet. Was verlangen Schostakowitsch und Tschaikowski in den Werken, die Sie in Basel aufführen?
RT: Das mit dem Kämpfer stimmt, aber ich sehe mich auch als Verfechter der Exzellenz! Als Verteidiger der Musiker*innen, des Orchesters und eben auch der Komponist*innen. Denn ein Dirigent kann eine Musikerin, einen Musiker oder ein Orchester zerstören; es handelt sich um sensible, talentierte Menschen. Ich gebe mein Bestes, sie zu beschützen, ihnen, wo ich kann, zu helfen, ihnen Rat, Orientierung zu geben, sie zu unterstützen, zu fördern, zu inspirieren und auch zu feiern. Die Komponist*innen brauchen einen Fürsprecher, dafür habe ich die Partitur, darin sehe ich alles, was sie sich ersehnen, und meine Aufgabe ist es, ihnen so gut wie möglich dabei zu helfen, die Ziele ihrer Kompositionen zu verwirklichen. Was verlangen also Tschaikowski und Schostakowitsch? Meiner Meinung nach: alles!
OK: Schostakowitsch war ja auf seine Art rebellisch. Ist das eine Haltung, der Sie – heute – etwas abgewinnen können?
RT: Ja und nein. Glücklicherweise lebe ich nicht in einem ‹so› gefährlichen und repressiven politischen Regime. Aber eine gewisse Aufsässigkeit braucht es meiner Meinung nach auch in Zeiten der ‹Cancel Culture› und in einem immens provokativen politischen Umfeld. Ich gebe auch zu, dass es mir als Dirigent eigentlich nicht zusteht, politische Themen anzusprechen, während ich eine kulturelle Institution und die Menschen darin vertrete. Ich versuche sehr, Politik, wie Schostakowitsch sie betrieben hat, zu vermeiden. Aber ich habe meine humanistischen Prioritäten, und zum Glück für ihn und mich ist Musik auch ohne zu forcieren wirkungsvoll. Ich denke, es gibt genug Leute, die andern vorschreiben, was sie zu denken haben; zu viele Antworten, zu wenige Fragen.
OK: Schostakowitschs Cellokonzert reisst vom ersten bis zum letzten Ton mit. Wir erleben Schmerz, Wut und im 2. Satz auch Trauer. Das Finale ist unendlich schwer. Und auch Tschaikowskis Vierte ist ein eigentliches Seelendrama, wenn auch mit einem eruptiven Freudentanz zum Schluss. Wie haben Sie sich dem vermeintlich dunkeln Abend genähert?
RT: Beide Werke unterscheiden sich in dieser Hinsicht stark voneinander. Schostakowitsch ist gefühlvoll mechanisch. Man sieht sich einer Maschine im industriellen Stil gegenüber, die Schmerz, Leid und Verlust verursacht. Was Tschaikowski betrifft, so ist die Sinfonie tragisch; das Finale halte ich eher für ‹manisch› als für fröhlich – eine Art hysterisch-euphorischer Sprung in eine ungewisse, aber hoffnungsvolle Zukunft. Die Klangwelten dieser beiden Komponisten sind völlig unterschiedlich, daher wird dies den grössten Teil meiner Aufmerksamkeit beanspruchen. Meiner Meinung nach ist es völlig falsch, Tschaikowski im ‹sowjetischen› Stil zu spielen, da seine Musik eher einer imperialistischen Ästhetik entspringt. Die Musik von Schostakowitsch hingegen ist geprägt von den Weltkriegen und der Epoche der Mechanisierung.
OK: Und wie steht es bei so viel Emotion an einem solchen Abend um Ihre persönlichen Gefühle?
RT: Normalerweise ist das mit viel Adrenalin und Euphorie verbunden. Ein ‹passives› Erlebnis ist das für mich nie.
OK: Wissen oder ahnen Sie auch, wie die Musiker*innen im Orchester eine solche Aufführung erleben?
RT: Ausgehend von meinen bisherigen Konzerten mit dem Orchester, glaube ich, Ähnliches gilt auch für sie.