Stromschnellen des Lebens

Interview mit der finnischen Komponistin Outi Tarkiainen

Die Komponistin Outi Tarkiainen stammt aus einer der nördlichsten Regionen Finnlands, aus Rovaniemi, der Hauptstadt Lapplands. Ihre Musik ist aber weder kalt noch distanziert: Als Teil einer Nachfolgegeneration auf die finnische Postmoderne des späteren 20. Jahrhunderts beruft sich Tarkiainen, die in diesem Jahr ihren 40. Geburtstag feierte, auf Intuition, Emotionen und das Geschichtenerzählen.

Die Komponistin schliesst an das reiche Musikerbe Finnlands von der Volksmusik über Jean Sibelius bis hin zu Kaija Saariaho an: Die weitläufigen Klanglandschaften, die sie zeichnet, sind auch bei  ihr von der unmittelbaren Nähe zur Natur am  nördlichen Polarkreis geprägt. Ihre Werke tragen sprechende Titel wie Polar Pearls, Songs of the Ice oder Midnight Sun Variations. In The Rapids of Life bezieht sich Tarkiainen auf eine ihrer persönlichsten Erfahrungen: auf die Geburt ihres eigenen Sohnes. Pekka Kuusisto hat das intime, rund zehnminütige Orchesterstück im Oktober 2024 mit dem Helsinki Philharmonic Orchestra zur Uraufführung gebracht und wird es auch bei  dem Konzert in Basel dirigieren.

 

 

Lea Vaterlaus Outi Tarkiainen, der Titel Ihres Werks The Rapids of Life deutet unterschiedliche ‹Stromschnellen› an, denen wir im Laufe unseres Lebens ausgesetzt sind. Wann haben Sie solche überraschenden Momente erlebt? 

 

Outi Tarkiainen Ich bin der Meinung, dass der Mensch sein Leben weitaus weniger gut kontrollieren kann, als er das gerne hätte. Wir gehen davon aus, ein langes und  gesundes Leben zu führen, und werden dennoch  immer wieder von ‹Rapids›, also von schnellen Strömungen, erwischt. Während ich dieses Stück schrieb, ist unsere grosse finnische Komponistin Kaija Saariaho im Juni 2023 überraschend früh verstorben, was mich sehr mitgenommen hat. Kaija war für mich ein grosses Vorbild, und wir waren  bis kurz vor ihrem Tod in regelmässigem Kontakt. Diese un- erwarteten Momente gehören wohl zum Älterwerden  und zum Leben dazu.

 

 

LV Dieses Werk beschreibt aber nicht das Ende, sondern  vielmehr den Anfang des Lebens. Sie haben damit eigene Erfahrungen bei einer Geburt vertont …  

 

OT The Rapids of Life ist ein wirklich einzigartiges Stück, denn normalerweise arbeite ich nicht mit explizit programmatischen Inhalten. Die Geburt meines ersten Kindes war für mich aber eine derart unerwartete Erfahrung, dass ich sie musikalisch festhalten wollte. In Island stand ich einmal vor einer der gefährlichsten Stromschnellen Europas. Die Wucht des Wassers hat mich an die Wehen vor der Geburt erinnert. Ich fühlte mich damals mitgerissen wie von wild herabstürzendem Wasser. Musikalisch finden sich in diesem Stück starke dynamische Steigerungen mit plötzlichen Energieeinbrüchen – wie die Wehen, die sich aufbauen und plötzlich wieder abfallen. 

«Ich bin der Meinung, dass der Mensch sein Leben weitaus weniger gut kontrollieren kann, als er das gerne hätte.»

Outi Tarkiainen

LV Die Musik baut sich wellenartig auf, stagniert aber kurz vor dem letzten Orchester-Crescendo. Was hören wir hier?  

 

OT In einem kurzen Moment, nachdem die Schmerzen während der Geburt unerträglich geworden waren, erlebte ich eine plötzliche Ruhe, als müssten sich der Körper und die Muskeln auf die letzte Wehe vorbereiten. Man spricht in der Medizin vom ‹Ferguson-Reflex›, der hier einsetzt, um den Körper unbewusst bei der Geburt zu unterstützen. Danach kommt es zum Höhepunkt, zur letzten Kontraktion, bei der das Kind schliesslich innert weniger Minuten auf die Welt kommt. In The Rapids of Life stösst das Orchester an dieser Stelle den Schrei «Ei!» aus, was auf Finnisch «Nein!»  bedeutet. Bei der Geburt meines Sohnes hat dieser Ausruf in mir eine unerwartete Kraft ausgelöst. Diese Stärke  
des weiblichen Körpers ist für mich die beeindruckendste ‹Stromschnelle des Lebens›, die ich bisher erlebt habe.

 

 

LV In The Rapids of Life finden sich ausserdem konkrete  Bezüge zu anderen finnischen Komponist*innen … 

 

OT Das grosse Cello-Solo zu Beginn ist eine direkte Anlehnung an ein Cellostück von Kaija Saariaho. Im Nachgang zu ihrem Tod haben viele meiner Bekannten Texte und Briefe an Kaija veröffentlicht – mir fehlten allerdings die Worte. Stattdessen habe ich die Instrumente, die ihr am nächsten waren – die Trompete, die Flöte und das Cello –, als Andenken  an sie in das Stück miteingebaut. Wie die ‹Flamme des Lebens› ziehen sie sich durch die Wehen des Anfangs. Sobald das Kind auf der Welt ist, ändert sich die Musik  schlagartig. Das Kind öffnet zum ersten Mal die Augen und betritt staunend eine Märchenwelt, die von leisem Glockenspiel und Streichern illustriert wird. The Rapids of Life endet schliesslich mit dem charakteristischen Beginn von Sibelius’ 4. Sinfonie. Damit schliesst sich für mich ein Kreis.

 

 

LV Hat es Sie Mut gekostet, ein Werk über ein so intimes Thema zu schreiben?

 

OT Im Vorfeld der Uraufführung dieses Stücks habe ich Pekka Kuusisto tatsächlich gefragt, ob ich über ein solches für die klassische Musik eher ungewöhnliches Thema  überhaupt schreiben darf. Er meinte sofort: «Unbedingt!»  In unserer Gesellschaft entfernt sich der Mensch immer  weiter von der Natur. Dabei ist der Mensch nicht anders als die Natur. Im Gegenteil – wir sind Teil des Ökosystems, und die Geburt ist der Anfang jedes Menschenlebens. Sie ist auch ein hochkomplexer Vorgang: Erst kürzlich wurde herausgefunden, dass die Zellen eines Kindes noch  Jahrzehnte nach der Geburt im Körper der Mutter bleiben! Vielleicht hat das Thema die Männer bisher nicht besonders interessiert, weil es nicht Teil ihrer Welt ist und sie sich  nicht an die Geburt erinnern. Ganz ehrlich: Kein Mann würde je den Prozess einer Geburt vertonen. The Rapids of Life ist deswegen kein dezidiert feministisches Stück, aber es erzählt von einem Erlebnis, das für mich das prägendste im Leben war.

 

Interview: Lea Vaterlaus

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